3. Erste Auseinandersetzungen

Der im Nuovo Saggio grundgelegte Versuch Rosminis einer Vermittlung des antik-mittelalterlichen Denkens in die Neuzeit mag trivial erscheinen; er ist es jedoch heute im Grunde genauso wenig wie zur Zeit Rosminis. Dass kirchlicherseits die Sprengkraft des rosminischen Neuansatzes nicht gleich erkannt wurde, wird exemplarisch daran deutlich, mit welcher Begeisterung der Jesuitengeneral den Nuovo Saggio und auch die Principi begrüßte. So wurde man sich theologischerseits der Bedeutung des rosminischen Denkens erst dann bewusst, als dieser selbst seinen Neuansatz auf theologische Fragestellungen übertrug und im Jahr 1841 den Trattato della coscienza morale veröffentlichte. Ein anonymer Schreiber warf daraufhin unter dem Pseudonym Eusebio Cristiano Rosmini vor, bezüglich der theologischen Lehren der Erbsünde und der Rechtfertigung die Positionen Calvins, Luthers, Bajus’, Quesnels und Jansenius’ zu vertreten. Dies entfachte einen Schlagabtausch verschiedener Schriften; Rosmini verteidigte sich unermüdlich gegen immer neue, größtenteils anonym veröffentlichte Anklageschriften. Rosmini geriet also zunächst durch die theologischen Konsequenzen seines philosophischen Grundansatzes in einen ersten Widerspruch zu denjenigen Theologen, welche für sich beanspruchten, die „katholische Lehre“ zu vertreten. Sein weniger objektivistisch und mehr anthropologisch ausgerichteter Ansatz, in welchem er zudem den „theologischen Rationalismus“ aller Zeiten anprangerte, schien seinen Gegnern bajanistische und jansenistische Schlussfolgerungen nach sich zu ziehen, d.h. bezüglich der Gnadenlehre dem lutherischen Grundansatz nahe zu kommen. Seinen Gegnern hielt Rosmini seinerseits vor, eine rationalistische Reduktion der Grundfeste des Christentums durchzuführen; das Christentum, so Rosmini, gründe in erster Linie auf der Gnade Gottes und nicht auf objektivistischen Lehrformeln. Den sofort mit bemerkenswerter Härte aufflammenden Streit wusste Gregor XVI. auf keine andere Weise zu unterbinden, als 1843 autoritativ beiden Seiten mit einem „Schweigedekret“ Einhalt zu gebieten. Allein hatte das Eingreifen desjenigen Papstes, der wenige Jahre zuvor die rosminische Ordensgründung offiziell bestätige hatte, wenn überhaupt nur einen sehr kurzfristigen Erfolg.

Unter dem neuen Papst Pius IX. schien sich dann zunächst eine Wende anzubahnen. So schien sich für Rosmini zunächst jener Wunsch nach einem liberalen, für die neuzeitlichen Entwicklungen aufgeschlossenen Papst, der die nötige Kraft und den Mut besitzt, für die Kirche die Weichen in die Neuzeit zu stellen, zu erfüllen. Von der piemontesischen Regierung mit der politischen Mission nach Rom geschickt, über ein italienisches Verteidigungsbündnis gegen Österreich zu verhandeln, trat er sofort in ein persönliches Vertrauensverhältnis zum Papst ein. Pius ernannte ihn zum persönlichen Berater; er wollte ihn gar zum Kardinal kreieren und zu seinem Staatssekretär ernennen, doch hatte Rosmini mittlerweile wegen der vorangegangenen Auseinandersetzungen eine große Gegnerschaft im italienischen Episkopat und an der Kurie. So bezeugt ein Zeitgenosse: „Und Pius IX. war von Anfang an Rosmini wohlgesonnen […]. Für einige Stunden wollte er ihn gleichzeitig zum Kardinal und Staatssekretär machen, aber 14 Kardinäle protestierten gegen die rote Mütze auf dem Haupt eines Jansenisten, wie sie Rosmini nannten“.

Der Optimismus, in Pius einen „Reformpapst“ zu sehen, äußerte sich bei Rosmini v.a. in dem Entschluss, sein bereits 1832-33 verfasstes, wegen der Inopportunität der Zeit aber noch zurückgehaltenes kirchenkritisches Werk Delle Cinque Piaghe della Santa Chiesa [Die Fünf Wunden der Kirche] sowie die Costituzione secondo la giustizia sociale [Die Konstitution gemäß der sozialen Gerechtigkeit] zu veröffentlichen. Die „Fünf Wunden“, wohl das überhaupt am meisten bekannte Werk Rosminis, ist kirchenkritischen Charakters, in seiner argumentativen Stoßrichtung allerdings nicht gegen die Kirche gerichtet, sondern versteht sich als eine innerkirchliche Analyse der Missstände mit dem Ziel, ihrer Mission in der Neuzeit wieder neue Glaubwürdigkeit und neue Kraft zu verleihen. Rosmini hatte dieses wohl auch unter dem Eindruck der revolutionären Wirren Ende 1832 und Anfang 1833 in Frankreich verfasst, die ihn zu neuen Reflexionen über die politischen Ereignisse, die Rolle des Christentums nach der Revolution und des Verhältnisses des Christen zum neuzeitlichen Staat veranlassten. In Aufnahme des Bildes, welches bereits Papst Innozenz IV. auf dem Konzil von Lyon im Jahr 1245 gebraucht hatte, verglich Rosmini in seinem Werk die Gestalt der Kirche seiner Zeit mit dem Leib des gekreuzigten Christus und wies damit auf die fünf hauptsächlichen „Wunden“ hin, an der die Kirche seiner Meinung nach zu leiden hatte: die „Trennung des Volkes vom Klerus im öffentlichen Kult“, die „unzulängliche Bildung der Geistlichen“, „Uneinige Bischöfe“, die „Ernennung der Bischöfe durch nichtkirchliche Mächte“ sowie die „Knechtschaft der Kirchengüter“.

Die Angst, die man vor den rosminischen Ideen hatte, bringt der Kurienkardinal Augustin Theiner in seinen Ausführungen gegen die Cinque Piaghe zum Ausdruck, in denen er Rosmini im Grunde vorwarf, eine – mit heutigen Worten – „Ekklesiologie von unten“ zu entwerfen. Diese sah er v.a. in der vierten „Wunde“ ausgeführt, in deren Beschreibung Rosmini die Bestätigung der jeweils zu ernennenden Bischöfe durch das Volk forderte: „Ohne es zu wollen, und vielleicht auch ohne eine Vorahnung zu besitzen, würde Rosmini mit seinen Prinzipien zu einem Popularpapismus [popolopapismo] gelangen, dessen Ketten gewiß noch schwerwiegender und schrecklicher wären als es jene des Cäsaropapismus in den Zeiten seiner größten Verdorbenheit waren“.

Die endgültige Wende in der Einstellung des Papstes wurde indes durch ein äußeres Ereignis katalysiert. Die revolutionären Wirren Ende 1848 in Rom nach der Ermordung Pellegrino Rossis und die dadurch vindizierte Flucht des Papstes aus Rom ließen die konservativen Kräfte der Kurie, allen voran Kardinal Antonelli, immer größeren Einfluss auf den immer deutlicher verunsicherten Papst gewinnen. Zudem missfielen die politischen Theorien Rosminis zur italienischen Föderation auch Österreich, an das die intransigenten Kräfte des Kardinalats und in zunehmender Weise auch der Papst Anschluss suchten. Rosmini folgte Pius zwar zunächst ins Exil nach Gaeta, um nicht seine letzte Einflussmöglichkeit zu verspielen, doch vermochte er nicht, sich gegen die entgegengesetzten Kräfte durchzusetzen. Die Besiegelung des Wandels der Einstellung Pius’ gegenüber Rosmini wurde letzterem endgültig deutlich, als Pius ihn eines Tages mit der Nachricht empfing: „Wissen Sie, lieber Abt, daß wir nicht mehr konstitutionell sind?“ Was Rosmini zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass der Papst selbst bereits das Indizierungsdekret der beiden Werke zur Reform von Kirche und Staat, Delle Cinque Piaghe und La Costituzione, bestätigt hatte. Dennoch muss betont werden, dass Pius IX. diesen Akt der Indizierung stets als die Notwendigkeit der besonderen politischen Situation verstand, nicht jedoch als die von Rosminis Gegnern betriebene Verurteilung der rosminischen Theologie. Rosmini nahm die Indizierung mit Demut an, in jener Geisteshaltung, die stets seine Einstellung der kirchlichen Autorität gegenüber kennzeichnete: „Mit der Gesinnung des dem Heiligen Stuhl ergebensten und gehorsamsten Sohnes, der ich aus Gottes Gnade und von Herzen immer gewesen bin und dies auch öffentlich bekannt habe, erkläre ich Ihnen, dass ich mich dem Verbot der oben erwähnten Werke rein, einfach und in der bestmöglichen Art füge“.

4. Die letzten Lebensjahre>

Inhalt | Indice

1. Rosminis Denkansatz

2. Die rosminischen Hauptwerke

3. Erste Auseinandersetzungen

4. Die letzten Lebensjahre

5. Die posthumen Auseinandersetzungen

6. Die Rehabilitierung des rosminischen Denkens

7. Zur Wirkungsgeschichte des rosminischen Denkens in Deutschland

8. Werke und einführende Literatur

Rosmini im Internet