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Gleichwohl beruhigten sich die Auseinandersetzungen um das rosminische Denken nach dessen Tod nicht. Im Gegenteil, sie flammten mit neuer Härte auf. Der Grund lag im Erstarken des Neothomismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der zunehmend im rosminischen Denken seinen eigentlichen innerkirchlichen Gegner entdeckte. Das rosminische System war der eigentliche neuzeitliche theoretische Widerpart gegen das System des Neothomismus in Italien; und im Istituto della Carità hatte Rosmini gar eine Institution geschaffen, die auch äußerlich als Gegenpart angesehen werden konnte. Wiewohl die Rosminianer den Jesuiten auch zahlenmäßig weit unterlegen waren, zeugt es umso mehr von der geistigen Profundität des rosminischen Denkens, dass in diesem eine relevante, als gefährlich angesehene intellektuelle Potenz gesehen wurde. Bereits im Jahre 1857 hatte der Jesuitenpater Liberatore, unbestritten einer der Vorkämpfer des Neothomismus, in seinem Werk Della conoscenza intellettuale die rosminische Lehre wenn auch nur indirekt und in differenzierter Weise als ontologistisch gekennzeichnet. Rosmini sei letztlich deshalb zu diesen zu verwerfenden Lehren gelangt, da er eigentlich das subjektivistische Denken der Neuzeit vertrete und in seiner Erkenntnistheorie und Ontologie mehr Kant und den deutschen Idealisten denn dem Aquinaten folge. Der Herausgeber der deutschen Übersetzung des zweiten Bandes dieses Werkes kommentierte: Rosminis Theorie, welche in dem vorliegenden Buche so vielfach bekämpft wird, hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einer in Deutschland höchst verbreiteten Anschauung; sie ist der Reflex derselben rationalistischen Richtung der Philosophie des vorigen Jahrhunderts, welche auch in Deutschland nachschwingt und nicht selten sehen wir in den Erörterungen Liberatores gegen Rosmini deutsche Gelehrte betroffen. Neben Matteo Liberatore sollte in der Folgezeit insbesondere Giovanni Maria Cornoldi zum Propagator einer umfassenden rosminischen Verurteilung avancieren. Als Sprachrohr diente ihnen insbesondere die Civiltà Cattolica. Doch stand einer lehramtlichen Verurteilung des rosminischen Denkens als solchem das Dekret aus dem Jahr 1854 entgegen, das die rosminischen opera omnia als von Fehlern frei erklärte. Daher waren die Gegner des rosminischen Denkens zunächst bestrebt, dieses Dekret, wenn nicht aufzuheben, dann doch immerhin entsprechend umzuinterpretieren, dass sich Raum für ein weiteres Vorgehen gegen das rosminische Denken ergab. So tauchte bereits kurze Zeit später in Mailand ein anonymes Schreiben auf, welches behauptete, dass über Rosmini kein Urteil ergangen sei und in Rom die Sache nur aufgeschoben worden wäre. In Venedig wurde gar erklärt, dass das Dekret nicht dimittantur, sondern remittantur lautete, dass die rosminischen Werke also nicht freigesprochen wären, sondern das Urteil nur aufgeschoben worden sei. Eine andere Interpretation gab das dimittantur opera als dimittatur causa wieder, was nicht den Freispruch der Werke an sich, sondern nur die Suspendierung des konkreten Falles bedeuten würde. All diese Interpretationen hatten das gemeinsame Ziel, das Urteil des Papstes als nicht definitiv zu interpretieren, sondern lediglich im Sinne eines Aufschubes bzw. einer Freigabe der rosminischen Werke für eine neuerliche Untersuchung. Doch sollten trotz aller Versuche die Rosminigegner unter dem Pontifikat Pius IX. noch nicht die Oberhand gewinnen, auch wenn sich die Lage zum Lebensende des Papstes hin nochmals zuspitzte. Der entscheidende Paradigmenwechsel für die rosminische Frage (Questione rosminiana) wird durch den Papstwechsel des Jahres 1878 und die Enzyklika Aeterni patris 1879 gekennzeichnet. Mit Gioacchino Pecci als Leo XIII. wurde der endgültige Durchbruch des Neothomismus zur offiziellen katholischen Philosophie besiegelt. Damit mussten die Neothomisten nur noch jene bereits vorbereitete These aufgreifen und ausführen, wonach die Philosophie Rosminis nicht nur von derjenigen des Thomas abweicht, sondern dieser in kontradiktorischer Weise entgegengesetzt ist (Cornoldi in der Civiltà Cattolica). Zunächst erklärte die Indexkongregation 1880 höchst offiziell, dass das Dimittantur lediglich bedeute, dass ein Werk, das [sc. aus dem Verfahren] entlassen wird, nicht verboten ist [non prohiberi]. Und 1881 veröffentlichte Cornoldi schließlich seine Schrift Il rosminianismo sintesi dellOntologismo e del Panteismo [Der Rosminianismus, Synthese aus Ontologismus und Pantheismus]. Die zentrale These dieses Werkes besagt: Das ganze Werk läuft auf diesen Syllogismus hinaus: Zurückzuweisen ist jene Philosophie, welche auf dem Ontologismus und auf dem Pantheismus basiert: Eine solche ist aber jene Rosminis, welche in seiner Teosofia dargelegt ist: somit ist diese Philosophie zurückzuweisen. Cornoldi führt zu seiner Rechtfertigung obendrein an: In privaten Gesprächen ermunterte mich der Papst [i.e. Leo XIII.], die Lehren Rosminis zu bekämpfen. Er verordnete mir, mehr Arbeiten gegen diese zu schreiben. Hunderte und Aberhunderte von Kopien [sc. dieser Arbeiten] sandte er sodann an verschiedene Bischöfe Italiens. Der grundlegende Paradigmenwechsel in der Interpretation des rosminischen Denkens ist somit deutlich: Während man noch 40 Jahre zuvor in den moraltheologischen Lehren Rosminis die neuzeitliche Häresie des Jansenismus und in seinen staatstheoretischen Schriften diejenige des Liberalismus am Werke gesehen hatte, so erkannte man nun in seinem Denken ein System, welches sich als Ganzes auf jenem neuzeitlichen Subjektivismus begründet, den man auch in der atheistischen Philosophie der deutschen Protestanten am Werke sah. Durch seinen Ansatz, auf dem Fundament dieses Subjektivismus bzw. Psychologismus eine objektive christliche Philosophie errichten zu wollen, sei er bereits in den Ausgangsfragen seines Denkens in Ontologismus und Pantheismus geraten. Indem man Rosmini dieser beiden neuzeitlichen Häresien anklagte, zielte man aber nicht mehr auf einzelne häretische Lehren, sondern auf den Ausgangspunkt und die Basis seines gesamten Denkens, das man als subjektivistisch und autoritätsfeindlich kennzeichnete. Somit war es nicht Pius IX., sondern erst Leo XIII., der mit Aeterni Patris dem Rosminiansimus gleichsam den (vorläufigen) Todesstoß versetzte. Die Herausstellung des Allanspruchs der thomasischen Philosophie, durch welche die Vernunft auf den Flügeln des hl. Thomas bis zum Gipfel der menschlichen Erkenntnis getragen wird, war gleichzeitig Zeichen und Signal für den Paradigmenwechsel in der Questione rosminiana, im rosminischen Denken die Antipode zu demjenigen des hl. Thomas (Liberatore in der Civiltà Cattolica) zu sehen. Zwar war das Dimittantur beseitigt, doch berief man sich dennoch zu dieser Anklage hauptsächlich auf die posthum erschienenen Werke Rosminis. Umging man damit einerseits mit Sicherheit das Dekret aus dem Jahr 1854, da sich dieses nicht auf die danach erschienenen Werke beziehen konnte, so hatte dies für die Neothomisten andererseits den Vorteil, dass gerade in diesen Werken theosophisch-metaphysischen Charakters das rosminische System ausformuliert wird und es daher besonders einfach schien, dieses eines versteckten Hegelianismus, d.h. des Ontologismus und Pantheismus, zu überführen. Mit dem lehrformelmäßigen Spruch: Die Lehre Rosminis ist Pantheismus in der Philosophie, Jansenismus in der Theologie, Liberalismus in der Politik, suchte man das rosminische Denken als solches zu treffen und seine Denkform als solche außerhalb der katholischen Lehre zu stellen.
Am Gedenktag des Hl. Thomas des Jahres 1888 (7. März) wurde schließlich das bereits drei Monate zuvor formulierte Dekret Post obitum feierlich verkündet, das mit den Worten beginnt: Nach dem Tod [Post obitum] Antonio Rosminis kamen einige Schriften ans Licht, die seinen Namen trugen. In diesen werden in deutlicher Weise einige Teile derjenigen Lehre entwickelt und erklärt, die keimhaft bereits in den vorhergehenden Büchern dieses Autors enthalten waren. Dies veranlaßte nicht nur Menschen, die sich in den philosophischen und theologischen Disziplinen auszeichneten, sondern auch die heiligen Hirten der Kirche, zu exakten Studien. Diese entnahmen aus seinen Büchern, v.a. den posthumen, sodann nicht wenige Sätze, die nicht der katholischen Wahrheit konform schienen [catholicae veritati haud consonae videbantur] und unterstellten diese dem höchsten Urteil des Heiligen Stuhls. [ ] Diese [i.e. Höchste Kongregation, das Offizium] urteilte, dass sie in des Autors eigenem Sinn zurückzuweisen, zu verurteilen und zu ächten sind [in proprio Auctoris sensu reprobandas, damnandas ac proscribendas], wie auch dieses allgemeine Dekret die folgenden Sätze zurückweist, verurteilt und ächtet [reprobat, damnat, proscribit]. Dies bedeutet nicht, dass es deswegen irgend jemandem erlaubt sei, daraus zu folgern, dass die anderen Lehren desselben Autors, die durch dieses Dekret nicht verurteilt werden, in irgendeiner Weise gebilligt wären (vgl. DH 3201-3241). Rosmini wurde fortan nurmehr als einer jener gescheiterten Versuche des 19. Jahrhunderts, das klassisch-traditionelle Denken mit der Neuzeit zu versöhnen, rezipiert und damit in Kirchengeschichte und Dogmatik allein als Beispielfall für Liberalismus, Semirationalismus, Ontologismus und Pantheismus angesehen. Betrachtet man also insgesamt die historische Entwicklung der rosminischen Frage nach dem Tod Rosminis, so wird man zu dem Ergebnis kommen, dass diese nur vor dem Hintergrund der kirchenpolitischen und doktrinellen Ereignisse dieser Zeit zu verstehen ist. Das rosminische Denken wurde dermaßen in diese involviert, dass der Fall Rosmini geradezu zu einem Paradebeispiel der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen dieser Zeit avanciert. So waren auch jene vier Jahre, die sich das Offizium zur Examinierung der rosminischen Propositionen nahm (1883-1887), nicht von einem Ringen darum bestimmt, ob die rosminischen Sätze nun verurteilt werden sollen oder nicht dieses Ergebnis stand in Wirklichkeit schon längst fest und harrte nur noch seiner Verwirklichung in der letzten feierlichen Verurteilung, welche die Kirche über die Ideen eines christlichen Philosophen ausspricht, die sowohl den Namen des Denkers als auch die Sätze enthält, die aus seinen Werken entnommen wurden (Malusa). Darauf weisen Aussagen Cornoldis und Vespignanis hin, welche bereits lange vor der Verurteilung die rosminische Frage als entschieden betrachtet haben. Mit dem Sieg des Systems des Neothomismus über das System des Rosmini war also das rosminische Denken als ganzes getroffen und verurteilt, nicht nur vierzig einzelne Aussagen. |
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