7. Zur Wirkungsgeschichte des rosminischen Denkens in Deutschland

Die deutsche Rosminiforschung des 20. Jahrhunderts hatte mit einer doppelten Hypothek zu kämpfen: Einerseits war Rosmini im deutschen Denken noch niemals beheimatet, andererseits trug er zudem das Mal der Verurteilung. Dass man damit einem Mann, der unermüdlich für die Verteidigung und Rechtfertigung des katholischen Glaubens vor dem Denken der Neuzeit eintrat, Unrecht tat, kam dabei kaum einem in den Sinn. Anknüpfungspunkte für eine sich erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelnde authentische Rosminiforschung in Deutschland boten die wenigen positiven Würdigungen, welche Rosmini um die Jahrhundertwende durchaus auch von einigen namhaften deutschen Persönlichkeiten erfahren hatte. Darunter sind v.a. die im weiteren Sinne dem „Reformkatholizismus“ in Deutschland zuzurechnenden I. Döllinger, F.X. Kraus und H. Schell zu nennen. So berichtet F.X. Kraus von einer bei Döllinger selbst nicht verfizierbaren Äußerung des Münchner Kirchenhistorikers: „Döllinger schreibt man die Äußerung zu, seit Thomas von Aquin sei in den Reihen des katholischen Klerus kein größerer Denker aufgestanden als Antonio Rosmini“.

Dass diese Aussage gleichwohl Döllingers Wertschätzung des Roveretaner Philosophen und Theologen Rosmini trifft, wird von einer Äußerung Döllingers selbst gestützt, welcher Rosmini ausdrücklich zu den „begabtesten Männer[n] des Italienischen Priesterthums“ zählt. F.X. Kraus widmet Rosmini, „dessen Persönlichkeit neben derjenigen des englischen Cardinals [i.e. Newman] weitaus die bedeutendste Erscheinung des Katholicismus im neunzehnten Jahrhundert bildet“, zahlreiche Untersuchungen und Würdigungen. 1955 formulierte schließlich Hilckman: „Und so wäre es hoch an der Zeit, Rosmini, der zu Unrecht ein großer Unbekannter blieb, der Welt von heute nahezubringen. Diejenigen, die am ehesten dazu berufen wären, sind die Philosophen im weltweiten Raume der katholischen Kirche. Werden sie ihm die Ehre erweisen, die ihm gebührt?“

Die im Hinblick auf das Jubiläum 2005 zentrale Etappe der deutschsprachigen Rosministudien beginnt im Jahr 1980, als Karl-Heinz Menke seine Doktordissertation Vernunft und Offenbarung nach Antonio Rosmini. Der apologetische Plan einer christlichen Enzyklopädie veröffentlichte und das „tragende Anliegen Rosminis“ in seinem Projekt einer „christlichen Enzyklopädie“ entdeckt, welche das Ergebnis der Verhältnisbestimmung von Vernunft und Offenbarung, von Philosophie und Theologie darstellt. In seiner Geschichte der italienischen Philosophie von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart hatte Ivo Höllhuber bereits ein Jahrzehnt zuvor „Italiens größtem Denker des 19. Jahrhunderts“ große Aufmerksamkeit gewidmet. Er betonte die Originalität und Eigenbedeutung von Rosminis Philosophie im neuzeitlichen Kontext: Rosmini sei „nichts Geringeres gelungen […] als die Überwindung der modernen Antithese von Subjektivismus und Objektivismus“.

Anlässlich des 200. Geburtstages veranstaltete schließlich K.-H. Menke zusammen mit A. Autiero im Jahre 1997 in Bonn ein deutsch-italienisches Symposion: Unter dem Titel Brückenbauer zwischen Kirche und Gesellschaft sollte deutlich werden, dass Rosmini gerade in seinem Bestreben, den in der Neuzeit zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Glaube und Vernunft aufgerissenen Graben zu überwinden, „ähnliche Ziele wie John Henry Newman, Maurice Blondel und Romano Guardini verfolgt hat“. Die Intention einer Einführung in Person und Werk des Roveretaner Denkers verfolgte jüngst G. Roggero mit seinem Beitrag Antonio Rosmini. Liebesfeuer aus Wahrheitslicht. Biographie und Einführung in sein Werk. Eine Einführung in das philosophisch-systematische Denken bietet die 2003 erschienene Übersetzung des Profilo filosofico di Antonio Rosmini von Michele Dossi (Antonio Rosmini. Ein philosophisches Profil).

Das Jahr 2004 konnte sodann das fast zeitgleiche Erscheinen zweiter umfangreicher Monographien zum philosophisch-systematischen wie zum politischen Denken Rosminis verzeichnen: Zunächst erschien die Untersuchung Wahrheit und Liebe bei Antonio Rosmini von Markus Krienke, sodann die Dissertation Christiane Liermanns, Rosminis politische Philosophie der zivilen Gesellschaft. Durch das Zusammen beider Untersuchungen werden gleichzeitig der theoretisch-metaphysische wie auch der politisch-praktische Aspekt des rosminischen Denkens als zwei aufeinander verweisende und sich gegenseitig integrierende Aspekte dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Wie der theoretische Neuansatz Rosminis der Krisensituation der Philosophie und Theologie entsprang, so resultiert aus der Analyse der Krise der Gesellschaft auch dessen politische Philosophie. Rosmini erweist sich nicht nur als spekulativer Genius, sondern, wie Liermann herausstellt, als „weltzugewandter politischer Geist“.

Es stellt nichts als die natürliche Konsequenz der Geschichte der Präsenz (oder vielmehr bislang: der Nicht-Präsenz) des rosminischen Denkens in Deutschland dar, dass es von dem immensen Schrifttum Rosminis so gut wie keine deutschen Übersetzungen gibt: So wurde dem Wunsch des Rezensenten des Nuovo Saggio in den Historisch-politischen Blättern nach einer Übersetzung des Nuovo Saggio bis heute nicht nachgekommen. Überhaupt blieb die erste Übertragung einer rosminischen Schrift – des Sistema filosofico (1850) – aus dem Jahre 1879 die einzige Übersetzung eines philosophisch-spekulativen Werkes Rosminis. Unmittelbar vor der Verurteilung im Jahr 1888 wurde eine Sammlung dreier Briefe übersetzt, ferner die Conferenze sui doveri ecclesiastici und die Massime della perfezione cristiana; letztere wurde in Deutschland weitere zwei Mal neu herausgegeben, und zwar 1925 von H. Schiel bzw. 1964 von H.U.v. Balthasar.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden drei Übersetzungen politischer Schriften Rosminis veröffentlicht: Zunächst übersetzte I. Höllhuber eine Zusammenstellung von Schriften aus der Filosofia della politica und der Filosofia del diritto, welche von M.F. Sciacca eingeleitet wurde. Die nach den Massime zweite Übersetzung eines vollständigen Werkes Rosminis leistete P.I. Erbes im Jahre 1971, als er die Cinque Piaghe ins Deutsche übertrug. Diese beruht auf der italienischen Ausgabe, die C. Riva 1966 herausgegeben hatte. C. Liermann ist die jüngste Übersetzung zu verdanken: 1999 machte sie die Filosofia della politica als ganze dem deutschen Publikum zugänglich. Zudem befindet sich die Veröffentlichung der deutschsprachigen Ausgabe des Il linguaggio teologico im Erscheinen.

„Wenn man Rosmini hierzulande nicht mit einem italienischen Komponisten verwechselt und also seinen Namen wenigstens kennt, dann auf Grund seiner lehramtlichen Verurteilung oder – wenn man in der Kirchengeschichte bewandert ist – auf Grund seines kurzen und kläglich gescheiterten Auftritts auf der großen Bühne der Politik“ – dieses Diktum Menkes hatte bislang seine Gültigkeit und volle Berechtigung. Das Jubiläum des 150. Todestages Rosminis soll dagegen Anlass sein, Rosmini für die deutschsprachige Geisteswelt zugänglich zu machen. Es gilt, den inneren Reichtum seines Denkens gerade für die heutigen Probleme der abendländischen Geisteswelt zugänglich zu machen und jene Kräfte fruchtbar zu machen, die eineinhalb Jahrhunderte zwischen Vorurteilen und Verurteilungen gebunden und absorbiert waren.

Gerade der Dialog zwischen italienischem und deutschem Denken bezüglich der rosminischen Rezeption des Denkens Kants und des Deutschen Idealismus verspricht dabei entscheidende weiterführende Impulse. Die Rosminiforschung kann daraus wertvolle Erkenntnisse zur Ergründung der Formation und des Charakteristikums des rosminischen Denkens selbst erwarten: Versteht sich Rosmini selbst auch als authentischer Weiterführer des christlich-mittelalterlichen Denkens augustinischer und v.a. thomasischer Manier, so kann seine Denkstruktur, seine Interpretation des klassisch-abendländischen Denkens und seine spezifische Weiterentwicklung desselben nur aus der profunden Auseinandersetzung mit dem Denken der „deutschen Schule“ seiner Zeit verstanden werden. Die Kant- und Idealismusforschung ihrerseits wird in Rosmini einen der ersten Rezipienten Kants und des Idealismus im europäischen Ausland überhaupt erkennen, welcher einen Platz neben allen anderen bedeutenden Kritikern Kants wie J.G. Herder, J.G. Hamann oder F.H. Jacobi bzw. den bedeutenden Denkern, die sich mit dem Idealismus auseinandergesetzt hatten, wie F.v. Baader, W.v. Humboldt, F. Schlegel, I.H. Fichte oder H. Ulrici, verdient. Und kein Geringerer als X. Tilliette kommt in seiner Abhandlung Antonio Rosmini e l’idealismo tedesco anhand der Gegenüberstellung des rosminischen Denkens zu seinen Zeitgenossen Jacobi, Herbart und Schlegel zu dem Ergebnis, dass „er [i.e. Rosmini] die deutschen Philosophen nicht weniger gut, sondern im Gegenteil: viel besser als die anderen Gegner interpretiert hat“.

Auch für den Dialog zwischen Theologie und Philosophie wird die angezeigte Forschungsperspektive ihre Früchte erweisen. Mit seinem Ansatz, das klassisch-mittelalterliche Denken mit dem methodischen Instrumentarium des neuzeitlichen Denkens zu verbinden und gerade auf diesem Weg die gültigen Einsichten der großen christlichen Denker des Mittelalters in der Neuzeit wieder überzeugend zu vermitteln, greift Rosmini dem Denken seiner Zeit weit voraus und nimmt entsprechende Versuche Blondels, Maréchals oder Rahners – und damit des II. Vatikanischen Konzils selbst – vorweg. Diesbezüglich wird man die Bedeutung Rosminis neben die bereits genannten Theologen der Tübinger Schule, d.h. neben F.D.E. Schleiermacher, F.C. Baur, S. Drey, J.A. Möhler oder J.B. Hirscher stellen dürfen. Indem er mit seiner 1846 begonnenen Teosofia dem hegelschen „System“ die erste spekulativ ebenbürtige christliche Antwort entgegenstellt, erkennt Chaix-Ruy in ihm geradezu „einen der größten Denker aller Zeiten“. Es ist deutlich, wie somit gerade die Erforschung des rosminischen Denkens eine wertvolle Basis für die Herausforderungen des postmodernen Denkens an eine „christliche Philosophie“ bereitzustellen vermag.

Nicht zuletzt erweist sich der angezeigte Dialog als hilfreich für die italienischsprachigen wie deutschsprachigen Rosministudien gleichermaßen. Auf italienischer Seite wird man in der deutschsprachigen Kant- und Idealismusforschung einen wertvollen Dialogpartner für die Bewertung der Validität und Relevanz der rosminischen Rezeption finden; auf deutscher Seite wird man in dieser Konfrontation mit dem kantischen und idealistischen Denken den hervorragenden Ansatzpunkt entdecken, um Rosmini auch in Deutschland bekannt zu machen. Gerade die rosminische Auseinandersetzung mit Kant und dem Deutschen Idealismus erweist sich somit als der Ort, um diesen übereinstimmend als das „letzte Universalgenie“ (Conzemius, Hickman) bezeichneten Denker auch der deutschen Philosophie zu eröffnen und dieser dadurch einen Zugang zur neuzeitlichen italienischen Philosophie als solcher zu verschaffen.

 8. Werke und einführende Literatur>

Inhalt | Indice

1. Rosminis Denkansatz

2. Die rosminischen Hauptwerke

3. Erste Auseinandersetzungen

4. Die letzten Lebensjahre

5. Die posthumen Auseinandersetzungen

6. Die Rehabilitierung des rosminischen Denkens

7. Zur Wirkungsgeschichte des rosminischen Denkens in Deutschland

8. Werke und einführende Literatur

Rosmini im Internet