1. Rosminis Denkansatz

Am 1. Juli 2005 jährt sich zum 150. Mal der Todestag des italienischen Philosophen und Theologen, Politikers und Ordensgründers, Pädagogen und Seelsorgers Antonio Rosmini-Serbati (1797-1855). Er lebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Oberitalien, zu einer Zeit also, in der das deutschsprachige Denken seine großen idealistischen Systeme hervorbrachte und die großen Theologen der Zeit versuchten, das Christentum in dieser neuen Sprache sprechen zu lassen. Dieses idealistische Denken hatte durchaus eine gewisse Autarkie erlangt; man war nicht so sehr auf die ausländische Philosophie angewiesen, erst recht nicht auf einen Denker wie Rosmini, dessen Bedeutung bis in die Gegenwart hinein – auch in Italien – völlig unterschätzt wurde. Wird Rosmini südlich der Alpen seit einem halben Jahrhundert sukzessive entdeckt, soll das Rosminijubiläum Anlass sein, ihm auch hierzulande mehr Wertschätzung zu verschaffen – als einem Denker, der zu den ersten Rezipienten der Philosophie Kants und des Deutschen Idealismus im Ausland gehört.

Als zweites von vier Kindern der oberitalienischen Adelsfamilie Rosmini-Serbati begeisterte er sich schon früh für die umfangreiche väterliche Bibliothek, die ihn bereits im Schulalter mit den wichtigsten griechischen und lateinischen Klassikern der Antike und des Mittelalters vertraut machte. Bereits mit 15 Jahren sammelte er Freunde und Kameraden zur Accademia Vannettiana um sich zusammen, um mit ihnen gemeinsam klassische Texte zu lesen und zu interpretieren. Erste eigene literarische Versuche resultieren aus diesem frühen Studieneifer. Die gymnasiale Oberstufe öffnete ihn für die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie, mit dem englischen und französischen Empirismus, der in Italien zu seiner Zeit vorherrschte, sowie mit dem Denken Kants, Fichtes und Schellings. Das Auftreffen der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf seinen von den klassischen Lektüren vorgeprägten Hintergrund mag für manche Unsicherheit und Verwirrung im jungen Geist Rosminis gesorgt haben; so berichtet er von „hitzigen Debatten“, die er mit seinem Lehrer Orsi hatte. Doch formiert sich hierin gleichzeitig der erste Keim des eigenständigen Denkens Rosminis, wie es sich in den folgenden Jahrzehnten ausbilden sollte.

Nach seinem Schulabschluss begann er 1816 in Padua das Theologiestudium; die drei Studienjahre verliefen recht ruhig und aufregungslos; neben dem Studium blieb ihm kaum Zeit für Anderes. Die wenige Zeit, die Rosmini verblieb, nutzte er für sein Vorankommen in der Philosophie. Mit dem siebzigjährigen, emeritierten Professor Cesare Baldinotti, einer der ersten, der in Italien auf Kant aufmerksam geworden ist, führte er in seiner Freizeit philosophische Kontroversen. Dieser war es dann auch, der Rosmini mit der kantischen Philosophie näher vertraut machte. So studierte Rosmini die Kritik der reinen Vernunft bereits vor dem Erscheinen der italienischen Übersetzung in der lateinischen Übertragung, später auch im deutschen Original. Vielleicht war es gerade diese philosophische Schrift, die sein Interesse für die Entwicklungen der Philosophie in Deutschland zu seiner Zeit weckte. Seit dem Ende seiner Schulzeit äußerte er im brieflichen Kontakt mit seinem in Wien studierenden Cousin Fedrigotti sein Interesse an der deutschen Philosophie, sodass er sich dazu entschließt, „die deutsche Grammatik durchzunehmen, die überaus notwendig ist, um solch bekannte Werke zu schätzen. Zwar scheint es mir eine tödliche Mühe, eine Sprache zu lernen, aber ich vertraue darauf, daß ich mit der Zeit zumindest so viel verstehen werde, wie ich benötige“. Diese Hochachtung für die deutsche Philosophie, „welche sich zur Zeit derart über die anderen Nationen erhebt“, führte ihn zunächst zu intensiven Kantstudien.

Gleichzeitig vertiefte Rosmini seine Studien des Werks des Thomas von Aquin, insbesondere der Summa theologiae. Als er sich 1819 für einige Zeit in Rovereto aufhielt, sammelte er Theologiestudenten und Priester um sich, um ihnen dieses in den theologischen Studien völlig in den Hintergrund geratene Werk auszulegen. Bemerkenswert ist dabei die Wichtigkeit, welche Rosmini dem Studium des Thomas beimaß, sowie der Eifer, mit dem er anhand der thomasischen Originaltexte dessen Intentionen seinen Hörern zu vermitteln suchte. In einer Zeit, welche von jenem Neothomismus, wie er dann v.a. die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmen sollte, noch nichts bemerkte, kann die Bedeutung der rosminischen Thomasstudien kaum überschätzt werden. Und so nährte sich aus dem Studium der Summa theologiae verbunden mit der Beschäftigung der Aufklärungsphilosophie seine Idee, eine „christliche Enzyklopädie“ zu verfassen. Hier blitzt gleichsam erstmals seine eigenständige Denkform durch, neuzeitliches Denken mit der christlich-mittelalterlichen Tradition zu verbinden. Auf der einen Seite ist die Idee der „Enzyklopädie“ grundlegend neuzeitlich-aufklärerisch. Gegen die französischen Enzyklopädisten will Rosmini das Wissen nicht auf seine materiellen Inhalte verkürzen, sondern das dahinterliegende Ganze wieder in den Blick bekommen; damit in Übereinstimmung auch mit Kant und den Idealisten. Auf der anderen Seite dies jedoch im Geist des mittelalterlichen Denken, und insbesondere des Thomas. Einem Enzyklopädismus, welcher lediglich sammelt, alle Erkenntnisse einfach aneinanderreiht und sie einer universalen Untersuchung disponibel macht, setzt Rosmini mit der christlichen Tradition die Idee eines Wissens entgegen, welche zwar ebenfalls nicht darauf verzichtet, sich als organische und systematische Einheit zu konstituieren und den Wissensdurst zu befriedigen, aber darüber hinaus und vor allem eine grundlegende und christliche Erziehung fördert. Diese Einheit ist nicht rein endlich-ideal, sondern transzendent; der Horizont ist nicht der subjektive Geist, sondern die objektive Transzendenz.

Damit will Rosmini auch die Theologie seiner Zeit erneuern. Diese hatte sich seiner Ansicht nach immer deutlicher in ihren einen scholastischen Formalisierungen verfangen, diese beinahe zum Selbstzweck erhoben und damit den Kontakt zur Gegenwart verloren. Es gelang dieser nicht mehr, die drängenden Probleme der Zeit adäquat aufzunehmen und in Politik und Philosophie Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Doch im Gegensatz zu ihrem Erscheinungsbild seiner Zeit – so beruhe sie Rosminis Analyse zufolge auf einer „morsch“ gewordenen Philosophie und drohe, zusammen mit der alten Scholastik zu „verfallen“ – soll die Theologie dem Denken der Zeit, das sich im Oberflächlichen und Materiellen verliert, helfen, die übersteigende Einheit, den „Sinn“ wiederzufinden: „Die Kompendien und die scholastischen Summen erreichten ihren Höhepunkt im 13. Jahrhundert, nämlich in dem wunderbaren Werk des Thomas von Aquin. [...] Die im 15. und 16. Jahrhundert wieder zur Blüte gelangten Wissenschaften zogen die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich, die aus Vorliebe für Phantasie und Empfinden den Kern der christlichen Philosophie vernachlässigten, welche so zugrunde ging [...]. Man sieht nicht mehr die Bedeutung der großen inneren Begründungen für die Glaubenslehre, an denen jedenfalls die besten Scholastiker festhielten; genauso ist anderseits die Bedeutung jener großen und umfassenden Darlegungsweise aus dem Blick geraten, die von den ersten Vätern angewendet wurde“.

Rosmini erkennt, dass dieses Bemühen einer Erneuerung des Christentums nicht im rein theoretischen verbleiben kann und darf. Daher unternahm er immer wieder Bestrebungen, seinen Gedanken auch praktische Wirklichkeit zu verleihen. Beispielsweise gründete er, als er nach seinem Theologiestudium nach Rovereto zurückkehrte, im Jahr 1819 die Società degli Amici [Gesellschaft der Freunde], „um in den Menschen die Liebe zur katholischen Religion zu erwecken und sie danach streben zu lassen, diese durch die Gesellschaft selbst zu fördern“. Dabei handelt es sich mithin um eine Vereinigung von Studenten zur Pflege des christlichen Denkens. Vor allem die Förderung christlicher Druckerzeugnisse setzte sich die Società degli Amici zum Ziel. Keineswegs blieb diese auf Rovereto beschränkt – rasch gründeten sich Filialen in Venedig, Udine und der Lombardei.

Aber nicht nur das christliche Leben sah Rosmini zu seiner Zeit in einer Krise, sondern auch und vor allem die philosophische und theologische Wissenschaft in Italien. Er war überzeugt, dass im Niedergang von Philosophie und Theologie geradezu der Grund für die „tiefgreifende Verdorbenheit der Moral, des Rechts, der Politik, der Pädagogik, der Medizin, der Literatur und mehr oder weniger aller Disziplinen, wovon wir Zeugen und Opfer sind“. Rosmini erweist sich als aufmerksamer und kritischer Beobachter der gesellschaftlich-politischen Entwicklungen seiner Zeit, die gerade seit der Französischen Revolution mit einer zuvor nicht gekannten Schnelligkeit voranschritten. So ist das Denken seiner frühen Phase v.a. durch politisch-gesellschaftliche Studien und Ausarbeitungen geprägt, in denen er seiner Zeit durchaus mit kritisch-skeptischer Distanz gegenübertrat. Das rosminische Denken hat seinen Ursprung in der Auseinandersetzung mit den politischen Problemen seiner Zeit; es sind die schwierigen Jahre nach Revolution und Restauration. Zunächst kennzeichnet die rosminischen Schriften ein deutlich restaurativer Einschlag, der bis in die Mitte der 1820er Jahre beobachtet werden kann; augenscheinlich wird dies in seiner Einstellung gegenüber Lamennais, den er erst hoch schätzte, sich dann allerdings von ihm distanzierte.

Eine Reise nach Mailand Anfang 1826 gab jedoch seinem Denken einen neuen Impuls. Dort lernte er v.a. Alessandro Manzoni kennen, woraus sich eine der bedeutendsten Freundschaften in die Geschichte der italienischen Kultur entwickeln sollte. „Manzoni war für Rosmini der Poet seines Herzens; Rosmini für Manzoni der Philosoph seines Geistes“ (Bonghi). So machte sich Rosmini an die Überarbeitung seiner frühen politischen Manuskripte. Aber auch die Überarbeitung sollte er bald beiseite schieben, und zwar, je mehr er erkannte, dass jede politische Theorie unzulänglich bleiben muss, wenn sie nicht von einem metaphysischen Unterbau gestützt wird. Daher konzentrierte sich Rosmini seit 1826 v.a. auf die philosophisch-metaphysischen Untersuchung, immer jedoch mit der Intention im Hinterkopf, nach deren Ausarbeitung eine neue „Philosophie der Politik“ zu präsentieren. 1827-28 erschienen dann auch die ersten Früchte dieser Neureflexionen, die Opuscoli filosofici, allerdings viele ältere Untersuchungen aufnehmend. Intensive Kantstudien begleiten diese Jahre. Doch bevor Rosmini 1830 das Ergebnis dieser Studien veröffentlichen sollte, schritt er zur Realisierung einer weiteren, bereits länger geplanten Idee, seinen theoretischen Überlegungen wieder einmal praktische, d.h. menschliche, Form zu verleihen: eine Ordensgründung.

Im Jahr 1828 gründete Rosmini seine Kongregation, das Istituto della Carità [Institut der Caritas]: Am Aschermittwoch zog er sich in die Einsamkeit des Sacro Monte Calvario in der Nähe von Domodossola, welches nordwestlich von Mailand gelegen ist, zurück. Ende April beendet er die erste Fassung der Costituzioni [Konstitutionen], welche aus demselben spirituellen Geist entstanden sind wie all sein Schaffen überhaupt. Was er in einem Brief aus dem Jahr 1833 formuliert, kann mithin als die Maxime seines Denkens überhaupt gelten: „Eine Philosophie, welche nicht auf die Verbesserung des Menschen hin ausgerichtet ist, taugt zu nichts. Und ich würde noch deutlicher sagen, sie ist falsch, denn die Wahrheit verbessert immer den Menschen“. Für Rosmini verliert die Wissenschaft ohne die Caritas ihr Fundament. Im Institut der Caritas geschieht nun genau diese Grundlegung des rosminischen Denkens, welches sich im Leben des Instituts verleiblicht. Die Konstitutionen bilden dabei gewissermaßen das „Scharnier“ dieser Vermittlung und gegenseitiger Implikation.

Die rosminischen Hauptwerke>

Inhalt | Indice

1. Rosminis Denkansatz

2. Die rosminischen Hauptwerke

3. Erste Auseinandersetzungen

4. Die letzten Lebensjahre

5. Die posthumen Auseinandersetzungen

6. Die Rehabilitierung des rosminischen Denkens

7. Zur Wirkungsgeschichte des rosminischen Denkens in Deutschland

8. Werke und einführende Literatur

Rosmini im Internet