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Es ist, als stünde eine Aufforderung des Papstes Pius VIII. aus dem Jahr 1829 an Rosmini nicht nur unmittelbar vor der Veröffentlichung seines ersten großen philosophischen Werkes, sondern diente geradezu als Überschrift des gesamten weiteren Schaffens Rosminis: Es ist der Wille Gottes, dass Sie sich dem Bücherschreiben widmen: Dies ist Ihre Berufung. Die Kirche braucht in der gegenwärtigen Zeit dringend Autoren ich meine solide Autoren , an denen höchste Knappheit besteht. Um wirksam auf die Menschen einwirken zu können, bleibt heute kein anderes Mittel als jenes, sie mit der Vernunft zu überzeugen und sie dadurch zur Religion zu führen. Gehen Sie davon aus, dass Sie dem Nächsten einen viel größeren Nutzen bereiten, wenn Sie schreiben, als durch irgendein anderes Werk des heiligen Dienstes. Keineswegs zog sich Rosmini nach dieser Aufforderung in seine Schreibstube zurück, sondern widmete sich nach wie vor der christlichen Nächstenliebe. Er kümmerte sich um seine Ordensgründung, übernahm vorübergehend auch den Pfarreidienst und ließ auch in seinem politischen Engagement nicht nach. Doch ist dieses praktische Eintreten bei Rosmini in einzeigartiger Weise von seinen theoretischen Reflexionen durchdrungen. Die Mannigfaltigkeit der Praxis sieht Rosmini vor dem Hintergrund einer geistigen Einheit, die er aus seinem christlichen Horizont gewinnt. Daher formuliert Rosmini als sein Programm, gewissermaßen als persönliche Replik auf die Aufforderung des Papstes: Zurzeit beschäftige ich mich mit der Reform der Philosophie: Ich möchte eine christliche Philosophie vorbereiten. Dabei verstehe ich unter diesem Begriff einer christlichen Philosophie noch nicht eine Philosophie, welche mit den Geheimnissen der Religion vermischt wäre, sondern eine gesunde Philosophie, von der nur vorteilhafte Folgen für die Religion ausgehen können, zugleich aber auch eine solide, welche gültige Waffen bereitstellt, um die falschen und verwegenen Philosophien zu bekämpfen, und welche die Grundlagen für eine volle und zufriedenstellende Theologie legt. Diese Zeilen können als Leitfaden seines ganzen weiteren Denkens angesehen werden. Für Rosmini bedarf die Theologie zu ihrer Erneuerung wesentlich eines neuen philosophischen Fundaments, das sie zu seiner Zeit vergeblich entweder in einer kraftlosen Spätscholastik oder in einem reduktionistischen Empirismus zu finden suchte. Somit wendet er sich gegen zwei Extreme gleichermaßen: Auf der einen Seite gegen eine neuzeitliche Philosophie, die einseitig vom Subjekt ausgeht und dessen Transzendenz präjudiziell ausklammert; auf der anderen Seite gegen eine Theologie, die angstvoll und verkrampft an einem morsch gewordenen scholastischen Gebäude festhält und den neuzeitlich denkenden Menschen nicht mehr erreicht. Die theoretische Grundlage für diese seine eigenständige Denkfigur arbeitet Rosminis in seinem ersten philosophischen Hauptwerk aus, dem Nuovo Saggio sullorigine delle idee [Neue Abhandlung über den Ursprung der Ideen], den Rosmini 1830 in vier Bänden in Rom veröffentlichte. Die Grundlegung einer erneuerten Metaphysik müsse so die Erkenntnis Rosminis von der erkenntniskritischen Fragestellung nach der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis überhaupt ausgehen, d.h. von der Frage, woher der menschliche Geist seine Objekte, die Ideen, beziehe. In diesem Werk setzt sich Rosmini mit den großen erkenntnistheoretischen Konzeptionen der Philosophiegeschichte auseinander, d.h. mit Platon, Aristoteles, Descartes, Locke, Leibniz, Kant und den deutschen Idealisten, und entwickelt daraus seine eigene Theorie, welche sich stark von Augustinus, Bonaventura und v.a. von Thomas inspiriert weiß. So hatte er bereits drei Jahre zuvor geschrieben: Damit diese [i.e. die Philosophie] bei den Menschen wieder geliebt werde und ihren alten Ruf erlange, glaube ich, dass man sie zum einen Teil mit den Meinungen der Alten wieder vereinbaren muss, ihr auf der anderen Seite aber die Methode der Modernen geben soll, den leichten Stil, die größten und lebensnahen Anwendungen und schließlich die Einheit des Ganzen und die Vollendung. Und die Scholastiker, welche zwar am Boden zerstört sind, sind das Glied, das die alten Philosophien mit den neuzeitlichen verbindet. Daher sollte man diese sorgfältig kennen. Mit dieser Idee eines methodologischen Subjektivismus macht Rosmini seine Denkfigur deutlich: Er erkennt an, dass mit Kant und dem Idealismus eine philosophische Fragestellung aufgeworfen worden ist, hinter die man nicht mehr zurück kann nicht aus einem falschen Paradigma heraus, sondern aus philosophischer Einsicht: Die theologische Schule ging, wie bereits bemerkt, von der Betrachtung Gottes aus; ich beginne ganz einfach bei der Betrachtung des Menschen. Und dennoch finde ich mich bei denselben Ergebnissen wieder. Hier vollzieht er den neuzeitlichen Paradigmenwechsel methodisch mit.
Auch in Deutschland rief dieser Neuansatz wenn auch nur verhalten Aufmerksamkeit hervor. So schreibt ein Autor in den Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland: So wünschte ich sehr, daß die Werke Rosminis, dieses christlichen Denkers, dessen philosophische Werke wohl den Höhepunkt der heutigen italienischen Literatur in diesem Gebiete bilden, in unserem, für geistige Anregungen so empfänglichen Deutschlande bekannter werden möchten. Aufmerksamkeit erregt insbesondere, dass sich Rosmini in profunder Weise mit Kant, Fichte und Schelling auseinandergesetzt hatte. Die erste deutschsprachige Rosmininotiz im Kaiserlich-königlich privilegierten Bothen von und für Tirol und Vorarlberg schreibt: Hier [i.e. im Nuovo Saggio] nimmt der Verf. auch die Gelegenheit wahr, von den neueren Systemen der Philosophie seit Kant im Vorbeigehen zu sprechen, vorzüglich von Fichte, Reinhold, Schelling. Wer nur einigermaßen die Schwierigkeiten kennt, die selbst für einen wissenschaftlich gebildeten Deutschen mit dem Studium dieser Lehren theils wegen ihrer Tiefe, theils wegen der eigenthümlichen Sprache, die sich jeder abstrakte Denker erst selbst schaffen muß, verbunden sind, der muß sich billig wundern über die Kenntnisse, die der Verf. davon an den Tag legt. Und wiederum die Historisch-politischen Blätter: Wenn die ungemeine Theilnahme, die sein Hauptwerk: Neuer Versuch u.s.w. in Italien gefunden, und deren sich kein ähnliches in Deutschland je zu erfreuen hatte, unsererseits sehr geeignet ist, das Vorurtheil, als ob das italienische Volk der Philosophie entfremdet und abhold, oder gar unempfänglich für dieselbe sei, in Etwas zu berichtigen, so müssen wir von der andern Seite bekennen, daß uns nicht leicht ein philosophisches Werk in jeder Beziehung so überrascht, erfreut und belehrt hat, wie das vorliegende. Der durchdringendste philosophische Scharfsinn, verbunden mit einer seltenen Tiefe und Consequenz der Gedanken, die umfassendste und gründlichste Kenntniß der Geschichte der Philosophie (auch der deutschen, bis auf die frühern Schriften Schellings inclusive) und eine Klarheit, Leichtigkeit und Lebendigkeit in der Darstellung, wie wir sie am wenigsten in Deutschland gewohnt sind, können als vorzügliche Eigenschaften des Verfassers gelten. Im Jahr 1837 veröffentlicht Rosmini die Schrift Il Rinnovamento della filosofia in Italia proposto dal C. T. Mamiani della Rovere ed esaminato da Antonio Rosmini Serbati [Die Erneuerung der Philosophie in Italien, vorgeschlagen vom Grafen Terenzio Mamiani della Rovere, untersucht von Antonio Rosmini Serbati], in welcher er seine grundlegenden Thesen des Nuovo Saggio nochmals reflektiert, gegen seine Kritiker an den entscheidenden Stellen auf den Punkt bringt und v.a. insofern die Weiterentwicklung seines Denkens seit dem Nuovo Saggio mit einbezieht, als er sich hier erstmals in ausführlicher Weise mit Hegel auseinandersetzt. Die hegelschen Werke studierte Rosmini seit dem Erscheinen der ersten Gesamtauflage 1833/34. Aufgrund der noch gänzlich mangelnden Übersetzungen hatte er v.a. die Wissenschaft der Logik im Deutschen studiert. Kein geringerer als Giovanni Gentile bezeugt diesbezüglich für die rosminische Auseinandersetzung des Rinnovamento: Als Rosmini 1836 in seinem Rinnovamento [ ] die Lehre Hegels zum Kriterium der Gewißheit darlegte, gab es in Italien unter denen, die philosophische Abhandlungen schrieben, keinen anderen, der die Wissenschaft der Logik gelesen hätte, mit der er [i.e. Rosmini] eine gewisse Vertrautheit an den Tag legte. In den folgenden zwei Jahrzehnten sollte die Auseinandersetzung mit dem Idealismus und insbesondere mit Hegel bei Rosmini immer weiter in den Vordergrund treten. Gerade im hegelschen System erkennt Rosmini immer deutlicher die Messlatte und den Prüfstein seines Denkens. Tritt demzufolge Kant etwas in den Hintergrund, schwingt die Auseinandersetzung mit Kant immer mit; oftmals scheint es, als berufe sich Rosmini auch unbewusst auf Kant. Diese Entwicklung zielt schließlich auf die Teosofia, Rosminis letztes großes Werk, sein Meisterwerk, an dem er fast zehn Jahre arbeitete und es trotzdem nicht zu vollenden schaffte. |
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